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Schmerzen II

Als bevorzugter Seitenschläfer sitze ich Nachts gewissermassen weiter, was auch eher suboptimal für Rückenleiden sein soll. Der Verzicht auf ein Kopfkissen in Rückenlage entlastet ausserdem meinen über die Jahre nach vorne gewanderten Nacken. Seine Schlafgewohnheiten in diese flache Rückenlage abzuändern, ist zunächst sehr befremdlich und ich führte die andauernden Schmerzen auf eine verkürzte Muskulatur zurück, die sich auf eine derartige Streckung erst einstellen muss. Ab Donnerstag war es dann aber komplett aus… eigentlich bereits zwei Tage zuvor, nur hatte ich für diesen Tag bereits einen kurzfristigen Untersuchungstermin bei einem Hüftspezialisten ergattert.

Wenn man am liebsten wie ein Säugling auf allen Vieren auf dem Boden herumkrabbeln möchte, weil jedes Aufstehen aus liegender oder sitzender Position zur Qual wird. Man statt einer 20 Kilo Kurzhantel nicht einmal mehr die Kraft verspürt, eine simple Wasserflasche vom Boden aufzuheben. Das macht etwas mit einem… erst recht, wenn man sich an regelmässigen Kraftsport gewöhnt hatte. Zu diesem ekelhaften Kopfkino gesellt sich der Umstand, dass es für den eigenen Körper beinahe keine Position für eine echte Schmerzentlastung gibt. Weder Liegen, Sitzen, Stehen oder Gehen verschaffen anhaltende Erleichterung. Nichts hilft, auch keine Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Novaminsulfon. Alkohol trinke ich keinen.

Wie ich es unter extremen Schmerzen überhaupt eigenständig in die Praxis des Hüftspezialisten geschafft habe, entzieht sich meiner Kenntnis. Pluspunkt: kurze Wartezeit. Der Rest war zu meinem persönlichen Bedauern einmal mehr lustloses Abfertigen. Zu seiner Verteidigung muss man zugeben, seine Verdachtsdiagnose Bandscheibenvorfall liegt nicht in seinem Spezialgebiet. „Das solle sich nach einem MRT dann besser ein Kollege anschauen“ meinte er. Um noch einmal auf das Thema Digitalisierung zurückzukommen. Selbige findet in der deutschen Krankheitsverwaltung schlichtweg nicht statt. Hier könnt ihr noch so viele Schweigepflichtsentbindungen und Datenschutzerklärungen für den Austausch zwischen den Ärzten unterschreiben.

Wer die Befunde und Diagnosen nicht in Papierform mit sich führt, ist auf verlorenem Posten. Strahlenbelastung durch erneutes Röntgen innerhalb von 14 Tagen interessiert keinen. Muss halt dann sein. Alles andere wäre ja zu umständlich. Seine eigenen Befunde per Mail zu erhalten beispielsweise, das wird dank unserer Datenschutz-Perversion in Deutschland kritisch gesehen. Dann lieber schön altbacken auf postalischem Weg mit einigen Tagen Verzögerung. Ist halt dann sicherer. So bemerkenswert witzig ich den Auftritt von Karl Lauterbach im Rahmen des Comedy Formats One Mic Stand fand, so herzlich wenig kann ich darüber lachen, dass ein Gesundheitsministerium es im Jahr 2022 immer noch nicht geschafft hat, eine Plattform, eine Art verlässliches Austauschmedium zwischen sämtlichen Ärzten zu schaffen.

Meine Befunde für ausdrücklich befugten Zugriff abgelegt in einer elektronischen Akte. Was soll ein potenzieller Datenklauer mit meiner Krankenakte schon anfangen?! Jeder Laie sieht auf Anhieb, dass etwas nicht stimmt, wenn er mich derzeit als wandelndes Häufchen Elend live beobachten kann. Wenn mir meine zierliche Frau beim Getränkekisten schleppen zur Hand gehen muss, erzähle ich ohnehin wildfremden Menschen, dass ich natürlich kein Schauvinist bin, sondern ein Rückenleiden vorliegt. Damit stösst man übrigens auf erstaunlich grosses Verständnis, weil ganz offensichtlich jeder jemanden kennt mit ähnlichem Leidensbild oder in der Vergangenheit selbst schon betroffen war. Tabuthema? Nicht wirklich.

Statistisch gesehen werden in Deutschland jährlich rund 180.000 Bandscheibenvorfälle festgestellt. Besonderes Pech hat man natürlich, wenn ein solcher wie in meinem Fall in die allgemeine Urlaubszeit des mitunter Pandemie bedingt ohnehin schon überlasteten medizinischen Netzwerks fällt. Bis man nämlich mit MRT gestützter Diagnostik der Neurochirurgie eventuell sogar zu einer konservativen Behandlungsstrategie und/oder Traktionstherapie durch Physiotherapeuten gelangt, kann es durchaus sein, dass die 6 bis 8 wöchige Selbstheilung der Bandscheibe bereits abgeschlossen ist. Herzlichen Glückwunsch.

Wie man diese lange Zeit übersteht ohne sich freiwillig aus dem nächsten Fenster eines mehrstöckigen Gebäudes zu schmeissen? Schwer zu beantworten. Nachdem dieser Onkel Doktor wenigstens eine Heilmittelverordnung für stolze sechs Anwendungen als hilfreich erachtete, aus reiner Faulheit wegen einer Krankmeldung aber auf meine Hausärztin verwies, zeigte diese sich als hilfsbereit nach Schilderung meines Allgemeinzustands und verschrieb mir Tilidin. Ein synthetisches Opioid, dass meine Schmerzen derzeit wenigstens erträglich gestaltet. Sie verschwinden nicht. Diese Hoffnung muss sich jedem nehmen, der womöglich irgendwann selbst einem Bandscheibenvorfall zum Opfer fällt.

Mit jedem Tag, der vergeht, hofft man auf Regeneration und Selbstheilung, während die antrainierten Muskeln kontinuierlich schwinden. Meine gesunde Ernährung behalte ich bei, keine Frage. Wann und in welcher Form ich wieder sportlich aktiv einsteigen kann ohne erneute Verletzungsrisiken einzugehen, bleibt eine spannende Frage, von der ich hoffe, sie euch möglichst bald beantworten zu können. Bis dahin bin ich dankbar für aufmunternde Worte, Kommentare und vielleicht sogar eure Erfahrungen im Umgang mit einem Bandscheibenvorfall.

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